Rezension: Luise und die Meerwalnuss – Aufruhr der Meerestiere von Marie Gamillscheg

„Luise war eine Insel. Ihre Arbeit war eine Höhle auf dieser Insel. Luise war eine Insel, eine Höhle auf der Insel auf der Welt war die Welt.“

Werbung, da Rezensionsexemplar. Luise ist 32, promovierte Meeresbiologin und ihr Spezialgebiet ist die Meerwalnuss. Mnemiospis Leidyi. Eine Rippenqualle. „Eine schwebende Laterne mit weiten, zarten Flügeln. Eine durchsichtige Plastiktüte, verloren auf der See. Eine feingliedrige Lichterkette in einer klaren Nacht, vom Wind angetippt.“, oder eben auch (wegen ihrer invasiven Art) eines der gefährlichsten Raubtiere der Welt.

Das Nervensystem der Meerwalnuss ist nicht zentral organisiert, es liegt in ihrer Haut, in der äußersten Zellschicht, über die sie äußere Reize aufnahm. Luise hat Neurodermitis und reagiert ebenfalls auf Reize über ihre Haut. Sie weiß nie, ob ihre Haut sich in einen Panzer verwandelt oder sie sich beginnt aufzulösen. Luise ist essgestört, einsam und ehrgeizig. Besonders schwierig ist das Verhältnis zu ihrem Vater. Unausgesprochene Konflikte halten die Beiden nicht nur örtlich kilometerweit auseinander. Das einzige was ihr Vater Luise mit auf den weg des Erwachsenwerdens mitgegeben hat, ist die Vorstellung was eine Frau zu sein, zu tun oder zu lassen hat. Ihre Mutter bleibt fast durchgehend farblos im Buch: „War ihr Vater ein Land, war ihre Mutter ein Meer. Luft holen, abtauchen. Untertauchen.“ Luise kehrt aus beruflichen Gründen in ihre Haimatstadt Graz zurück und wird dort mehr mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, als ihr lieb ist.

Mit Aufruhr der Meerestiere ist der österreichischen Schriftstellerin Marie Gamillscheg erneut ein Roman gelungen, bei dem das Nichtgesagte in ständiger Konkurrenz mit dem Gesagten steht. Ein melancholisches Buch, voller Traurigkeit über eine junge Frau, die sich selbst satt hat und ihre Unsicherheiten und Zwänge aus einem vergangenen Leben selbst im Erwachsenenalter nicht abstreifen kann. 

Wie schon bei „Alles was glänzt“ ist vor allem Gamillschegs Schreibstil so besonders, so packend und direkt ins Mark treffend. Ich mag es, dass man als Leser oft im Unwissenden schwebt, dass man nur erahnen kann, was Luise meint. Spannend finde ich vor allem die Verknüpfung der Meerwalnuss mit Luises Gefühlswelt. Für mich ein außergewöhnliches Leseerlebnis. Bitte MEHR von Frau Gamillscheg. Vielen Dank an Luchterhand für das Rezensionsexemplar. 

„Das Hungern meinte einen Körper, der stets im Werden war, nie im Sein. Luise hungerte, um niemals satt zu werden. Sie wollte nie verschwinden. Sie wolle existieren.“

304 Seiten
ISBN: 978-3-630-87562-0
Erschienen bei Luchterhand

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